Ein Stück, das man nicht einfach zuklappt
Ich hab 'Der Besuch der alten Dame' zum ersten Mal in der Schule gelesen, pflichthalber, widerwillig. Jahre später hab ich es nochmal aufgeschlagen - aus freiem Stück, an einem Sonntagabend - und plötzlich saß ich da und konnte nicht aufhören. Das ist kein Zufall. Dürrenmatt hat hier etwas konstruiert, das funktioniert wie eine Falle: Man denkt, man liest eine skurrile Geschichte über eine steinreiche Frau und eine heruntergekommene Kleinstadt. Dann merkt man, dass man eigentlich über sich selbst liest.
Klara Zachanassian kehrt in ihre Heimatstadt Güllen zurück, reich und rachsüchtig. Sie bietet der verarmten Gemeinde eine Milliarde - gegen das Leben eines Mannes. Was dann passiert, ist keine Heldengeschichte. Es ist das genaue Gegenteil, und das ist der Punkt.
Für wen es sich lohnt - und für wen nicht
Ehrlich gesagt: Wer ein leichtes Leseerlebnis sucht, ist hier falsch. Das Stück ist kurz (man liest es in zwei Stunden durch), aber es ist dicht. Die Neufassung von 1980 hat Dürrenmatt sprachlich noch einmal geschärft, ein paar Ecken geglättet, ohne die Bissigkeit zu verlieren.
Für 11 Euro bekommt man Literatur, die Fragen stellt, die unangenehm bleiben. Gerechtigkeit, Kollektivschuld, der Preis der Moral - das klingt schwer, liest sich aber erstaunlich flüssig. Für Schüler, Lehrkräfte, aber auch für alle, die mal wieder einen Text wollen, der sie nicht in Ruhe lässt: absolut zu empfehlen.
Mein einziger Vorbehalt: Wer Theaterstücke grundsätzlich nicht mag, wird auch hier fremdeln. Die Regieanweisungen, die knappe Dialogstruktur - das ist halt kein Roman.