Was dieses Buch eigentlich ist
Ein Haus in Brandenburg, ein See, und eine ganze Reihe von Menschen, die über Jahrzehnte hinweg ein- und ausziehen. Das klingt erstmal unspektakulär. Ehrlich gesagt hatte ich beim ersten Satz auch noch keine Ahnung, was mich erwartet. Aber Erpenbeck baut etwas auf, das man fast nicht bemerkt, bis es einen plötzlich trifft: eine Kumulation aus Abschiednehmen, Verlust und dem stillen Fortbestehen der Dinge, während Menschen vergehen.
Die Sprache ist präzise und trotzdem voll Atem. Kurze Kapitel, jedes aus einer anderen Perspektive, einer anderen Zeit. Der Gärtner taucht immer wieder auf, fast wie ein Geist des Ortes. Das ist keine Spielerei, das hat Gewicht.
Für wen, und für wen nicht
Wer einen Spannungsbogen braucht, einen Protagonisten zum Mitfiebern, der wird sich hier schwertun. Heimsuchung ist kein Roman, den man liest, um herauszufinden, was als nächstes passiert. Man liest ihn, um zu spüren, wie Geschichte sich in Wände frisst, in Holzdielen, in Gartenerde.
Für mich war es eines dieser seltenen Bücher, nach denen man kurz aus dem Fenster schaut und die eigene Straße anders wahrnimmt. Ein bisschen beschwerter. Die Reclam-Ausgabe ist dabei eine ganz nüchterne Angelegenheit: kein Nachwort, das einem vordenkt, keine ausufernde Einleitung. Das passt gut zu diesem Text, der lieber zeigt als erklärt.
Zu dem Preis sollte man nicht lange zögern, wenn man sich für zeitgenössische deutschsprachige Literatur interessiert. Glaub mir, die 7 Euro sind gut angelegt.