Ein Haus, viele Leben - und eine Sprache, die bleibt

Ehrlich gesagt habe ich Heimsuchung zum ersten Mal in einem Zug gelesen, an einem Sonntagnachmittag, Regen gegen die Scheibe. Das Buch ist dünn - keine 200 Seiten - aber es wiegt mehr als mancher Wälzer. Jenny Erpenbeck erzählt die Geschichte eines Grundstücks in der Märkischen Schweiz, durch das die gesamte deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts fließt. Weimar, Nationalsozialismus, DDR, Wende. Nicht als Lehrstunde, sondern als Schichtung. Wie Sedimentgestein.

Was mich wirklich erwischt hat, war die Sprache. Erpenbeck schreibt in Sätzen, die sich aufbauen, sich wiederholen, fast rituell. Das kann man mögen oder nicht - ich mag es sehr. Es hat etwas von einem Lied, das du erst beim dritten Hören wirklich verstehst.

Für wen lohnt es sich - und für wen nicht

Für mich ist das ein Buch für Leute, die bereit sind, langsam zu lesen. Wer schnelle Handlung sucht, wer Dialoge und Spannung braucht, wird hier nicht glücklich. Das ist kein Pageturner. Eher ein Buch, das man aufklappt, liest, dann kurz weglegt und nachdenkt.

Der aktuelle Hype durch die Kinoversion von Volker Schlöndorff treibt den Preis nicht nach oben - 13 Euro für ein Taschenbuch dieser Qualität ist solide. Kein Schnäppchen, aber fair. Wer den Film gesehen hat und mehr will, greift zu. Wer literarische Prosa mit historischer Tiefe sucht und keine Angst vor Stille auf der Seite hat, auch. Alle anderen: vielleicht erst eine Leseprobe.